LIQUID HISTORIES

SA. 25.7.2026 · Wassertürme & Handwerkerhof · 18:00 Uhr

LIQUID HISTORIES

Panel: Wasserwege, Macht & Erinnerung

»Liquid Histories« untersucht Wasserwege als Träger von Macht, Wissen und Erinnerung. Kanäle, Flüsse, Seerouten und unsichtbare Infrastrukturen werden dabei als Linien sichtbar, entlang derer sich Industrialisierung, Kolonialismus, Migration, Extraktion und ökologische Krisen verdichtet haben. Im Zentrum steht die Frage, wie Wasserwege Imperien ermöglichten, Ressourcenströme organisierten und territoriale Kontrolle sicherten, aber auch Bewegungen von Menschen, Geschichten, Klängen und widerständigem Wissen hervorbrachten.

Luminita Gatejel, Historikerin an der Universität Regensburg, betrachtet die Donau als imperialen Wasserweg und als Schauplatz ökologischer, sozialer und technischer Veränderungen. An Europas größtem Flusssystem trafen über Jahrhunderte unterschiedliche Interessen aufeinander: die Grenzpolitik des Habsburger-, Osmanischen und Russischen Reiches, aber auch britische Forderungen nach Freihandel und freier Schifffahrt im Schwarzen Meer. Mit der Europäischen Donaukommission ab 1856 wurde der untere Donauraum zu einem frühen Experimentierfeld internationaler Zusammenarbeit. Später prägten Staudämme, Flussregulierungen und Auenumgestaltungen die Region und machten sichtbar, wie eng technische Infrastruktur, politische Kontrolle und ökologische Folgen miteinander verbunden sind.

Davide Martino, Umwelt- und Technikhistoriker und Postdoc-Forscher an der Université libre de Bruxelles, verbindet lokale und globale Perspektiven. Er untersucht, wie hydraulische Expertise, Stadtplanung und Macht in frühneuzeitlichen Städten wie Augsburg, Florenz und Amsterdam zusammenwirkten. Im Panel führt er von Augsburgs Wasserlandschaft zur Geschichte der Welser und dem kurzzeitig sogenannten »Neu-Augsburg« im heutigen Venezuela: zu kolonialen Ambitionen, Handelskapital und Wasserwegen im 16. Jahrhundert. Zugleich schlägt er den Bogen von Venedig als Augsburger Handelspartnerin zu Kanälen, Wasserkraft und frühen Formen industrieller Produktion in Europa.

Hajra Haider Karrar, Kuratorin und Autorin bei SAVVY Contemporary in Berlin, beschäftigt sich mit ozeanischen Geschichten, kolonialen Wissensordnungen und künstlerischen Praktiken. Ihr Beitrag richtet den Blick auf den Indischen Ozean als Raum von Verbindung und Eroberung zugleich. Entlang der Swahili Coast und über das Arabische Meer fragt sie, wie Zirkulation, Begegnung und Handel heutige Küstengesellschaften geprägt haben. Eine besondere Rolle spielen Klangtraditionen und soundbasierte Archive: Sie eröffnen Zugänge zu Mobilität, Erinnerung und den bis heute nachwirkenden Geschichten wassergetragener Verflechtungen.

Im Gespräch mit Jenny Langner verknüpfen diese Perspektiven See- und Handelsrouten, imperiale Flüsse und koloniale Wasserlandschaften mit Augsburgs kleineren, aber exemplarischen Wasserwegen: den UNESCO-geschützten Kanälen, den historischen Wasserwerken, dem Lech und seinen Auwäldern. So entsteht ein vielschichtiges Bild von Wasserwegen als sozialen, ökologischen und ökonomischen Systemen, in denen Geschichte und Gegenwart ineinandergreifen.

Der Panel findet zum Teil in englischer Sprache statt. Der Eintritt ist frei. Sitzplatzreservierungen werden empfohlen unter info@waterandsound.de

Bei Regen findet der Panel in der Neuen Galerie Im Höhmannhaus, Maximiliamstr. 48, statt.

 

Gefördert von der Andrea von Braun Stiftung

FÜHRUNG · 16:00 – 18:00 Uhr: Wassertürme und Wasserwerk am Roten Tor.

Das Ensemble der drei Wassertürme am Roten Tor ist wahrscheinlich das älteste bekannte Wasserwerk Mitteleuropas. Seit etwa 1416 versorgte es die Stadt mit Trinkwasser. Seine Pumpsysteme waren in ganz Europa bewunderte technische Einrichtungen und bestanden über viereinhalb Jahrhunderte bis 1880. Vor der Veranstaltung besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch die Wassertürme teilzunehmen.

 

Mitwirkende

Luminita Gatejel

Luminita Gatejel ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas der Universität Regensburg. Sie forscht zur Geschichte von Technik, Mobilität und Umwelt in Ost- und Südosteuropa. Ihre Habilitationsschrift »Engineering the Lower Danube« erschien 2023 bei CEU Press und untersucht die technische und ökologische Transformation der Unteren Donau im 19. und 20. Jahrhundert.

Davide Martino

Davide Martino ist Umwelt- und Technikhistoriker und derzeit Wiener-Anspach Postdoctoral Fellow an der Université libre de Bruxelles.
Seine Forschung verbindet Wasser- und Umweltgeschichte, Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie Architektur- und Kunstgeschichte.
In seinem aktuellen Buchprojekt »The Art of Governing Water« untersucht er hydraulische Expert:innen in frühneuzeitlichen europäischen Städten, darunter auch Augsburg. Zuvor forschte er an der Universität Bern; promoviert wurde er 2023 an der University of Cambridge.

Hajra Haider Karrar

Hajra Haider Karrar ist Kuratorin und Autorin bei SAVVY Contemporary:
The Laboratory of Form-Ideas in Berlin und Gastkuratorin der neunten Ausgabe von Colomboscope 2026.
Ihre kuratorischen und kollaborativen Projekte wurden international gezeigt, unter anderem bei der Kochi-Muziris Biennale, der Lahore Biennale, am Centre Pompidou, an der Akademie der Künste Berlin, am Tate Research Centre: Asia und in der Manchester Art Gallery. Sie gibt Publikationen heraus und schreibt regelmäßig zu künstlerischer Praxis sowie visuellen und medialen Kulturen.

Foto oben: Girisha Fernando

Fotos unten v.l.n.r.:Tanja Wagensohn, E. Luigi, Raisa Galofre